Wie ein Pflegeheim in Salzburg seinen Veränderungsprozess an die Dienstübergabe hängte
- 36healthcare

- vor 7 Tagen
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Ein Pflegeheim in Salzburg. 150 Bewohner:innen, drei Wohnbereiche, eine engagierte Heimdirektion. Das Ziel: Abläufe verbessern und die Kommunikation zwischen den Schichten stärken.
Der erste Impuls war naheliegend: ein Projektteam bilden, regelmäßige Workshops ansetzen, Maßnahmenplan erstellen. Klassisches Vorgehen.
Das Problem war nicht der Plan. Das Problem war der Dienstplan.
Was nicht funktioniert hat
Die Workshops fanden statt – alle zwei Wochen, Dienstagnachmittag. Aber jedes Mal fehlte jemand anderes. Die Frühschicht war zu müde. Die Teilzeitkräfte hatten frei. Und die Mitarbeiter:innen, die nicht teilnehmen konnten, erfuhren von den Ergebnissen durch Protokolle, die niemand las.
Nach drei Monaten war die Energie raus. Nicht weil die Ideen schlecht waren. Sondern weil das Format nicht zum Alltag passte.
Die Heimdirektion stand vor einer Wahl: Mehr Druck auf die Workshops – oder ein anderes Format finden.
Der Hebel: Die Dienstübergabe als Veränderungsort
Die Dienstübergabe findet ohnehin statt. Jeden Tag um 7 Uhr und um 19 Uhr. Beide Schichten sind gleichzeitig anwesend, für eine kurze, aber verlässliche Zeitspanne.
Die Idee: Einen strukturierten Block „Verbesserungspotenziale“ in die bestehende Dienstübergabe integrieren. Nicht zusätzlich, sondern als fester Bestandteil. 15 Minuten, nicht mehr.
Wie es umgesetzt wurde
Bei jeder Übergabe eine Frage: „Was war heute das größte Hindernis im Ablauf, und was könnten wir bis morgen ändern?“ Keine freie Diskussion. Eine präzise Frage, die zur konkreten Antwort zwingt.
In jedem Wohnbereich hängt ein Board mit drei Spalten: „Idee“, „In Arbeit“, „Erledigt“. Was in der Übergabe aufkommt, wird dort notiert. Nicht in einem digitalen System, das niemand öffnet. Auf einem Board, an dem alle vorbeigehen.
Jede Verbesserungsidee bekommt eine Person und ein Datum. Keine offenen Listen ohne Zuständigkeit. Kein „Da kümmern wir uns drum.“
Einmal pro Woche fasst die Wohnbereichsleitung zusammen: Was wurde umgesetzt? Was hat sich geändert? Was ist noch offen? Dieser Rückblick dauert fünf Minuten und erreicht alle. Auch diejenigen, die bei einer bestimmten Übergabe nicht dabei waren.
Was sich verändert hat
Nach drei Monaten zeigte sich ein Muster, das die Forschung bestätigt: Die meisten Probleme, die in solchen Runden auftauchen, sind „Quick Hits“ – kleine Hindernisse, die sich schnell beheben lassen. Internationale Studien beziffern den Anteil auf über 80 %, mit einer durchschnittlichen Lösungszeit von wenigen Stunden.
Im Salzburger Pflegeheim war es ähnlich. Ein Großteil der Verbesserungen betraf Alltagshindernisse: fehlende Materialien, unklare Zuständigkeiten bei der Medikamentenvergabe. Keine davon war ein strategisches Problem. Aber zusammen erzeugten sie den täglichen Reibungsverlust, der Mitarbeiter:innen erschöpft.
Zwei Effekte fielen besonders auf. Mitarbeiter:innen meldeten deutlich mehr Verbesserungsideen, weil sie erlebten, dass daraus etwas wird. Und die Kommunikation zwischen den Schichten verbesserte sich, weil die Übergabe um 7 Uhr und um 19 Uhr eine neue Qualität bekam. Sie war nicht mehr nur Informationsweitergabe, sondern gemeinsames Nachdenken über Abläufe.
Was das Muster bedeutet – über dieses Pflegeheim hinaus
Dieses Muster ist kein Einzelfall. Klinische Forschung zeigt: Strukturierte Kurzformate bei Schichtwechseln verbessern die Teamfunktion in über zwei Dritteln der untersuchten Fälle. Sie minimieren hierarchische Barrieren. Sie stärken die Handlungsfähigkeit von Pflegeteams.
Was dieses Beispiel zeigt, geht über das Format hinaus. Veränderung passiert nicht neben dem Betrieb. Sie passiert im Betrieb. Wer wartet, bis alle gleichzeitig Zeit haben, wartet in vielen Einrichtungen sehr lange.
Die Workshops im Salzburger Pflegeheim gibt es übrigens immer noch. Aber sie haben eine andere Funktion bekommen: Dort werden die größeren Themen bearbeitet, die aus den täglichen Verbesserungsrunden entstehen. Die Workshops sind nicht mehr der Motor der Veränderung. Sie sind die Werkstatt für das, was der Alltag aufwirft.



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