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Das Spaghetti-Diagramm: Laufwege sichtbar machen

  • Autorenbild: 36healthcare
    36healthcare
  • 1. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

Wenn wir Pfleger:innen fragen, was sie an ihrem Beruf am meisten frustriert, hören wir kaum Patient:innen oder die Bezahlung. Sehr oft hingegen lautet die Antwort: „Ich laufe den halben Tag kreuz und quer durch die Station." Das hat System, denn pro Schicht legen Pflegekräfte zwischen 4,8 und 6,6 Kilometer zurück [1]. Um den Frust aufzulösen, stellen wir die Frage, wie viele dieser Wege direkt zu einem direkten Ziel führen und wie viele Umwege sind.

Genau diese Frage beantwortet das so genannte Spaghetti-Diagramm. Es ist eines der einfachsten und wirkungsvollsten Werkzeuge des Lean Managements und macht in einer Stunde sichtbar, was davor nur als diffuses Gefühl existiert: „Irgendetwas stimmt mit den Wegen auf unserer Station nicht."


Was ist ein Spaghetti-Diagramm?


Ein Spaghetti-Diagramm dokumentiert die tatsächlichen Bewegungsmuster einer Person auf einem Plan. Der Name des Werkzeugs kommt somit von dessen Ergebnis. Im Pflegekontext sind Bewegungsmuster die Laufwege einer Pflegekraft, z.B. während einer Medikamentenrunde. Diese ergeben auf dem Papier ein Liniengewirr, ähnlich gekochten Nudeln.

Das Werkzeug stammt aus dem Lean Management und hat sich im Gesundheitswesen als besonders wirksam erwiesen. Mit seinen visuell überzeugenden Ergebnissen verstehen auch Entscheidungsträger ohne Lean-Erfahrung das Problem auf einen Blick. Als Standardwerkzeug in seinem Qualitätsverbesserungs-Toolkit führt das National Health Service (kurz: NHS bzw. der staatliche Gesundheitsdienst der Vereinigten Königreichs) das Spaghetti-Diagramm [2].


Die wirklichen Kosten einer Medikamentenrunde


Forscher:innen haben an einem britischen Lehrkrankenhaus die Laufwege einer Pflegekraft während einer Nachtschicht-Medikamentenrunde dokumentiert [3]. Die Zahlen zeigen, wie viel Verschwendung in einem scheinbar einfachen Vorgang steckt.

Für nur sechs Patient:innen bzw. 23 Medikamentendosen waren 95 Minuten notwendig, in denen die Pflegekraft 13 Mal zur Basisstation gehen musste. Nachstehend finden sich die Ursachen für die Wege im Einzelnen:


  • 5x zum Computer, um Medikamentenanordnungen zu prüfen oder abzuzeichnen

  • 4x zum Lagerraum, weil Medikamente gefehlt haben

  • 2x zum Schlüsselkasten für den Patientenspind

  • 2x zum BTM-Schrank für rezeptpflichtige Medikamente

  • 1x für ein Telefonat, das die Runde unterbrochen hat


Auf dem Grundriss zeigt sich sofort: Die meisten Linien verlaufen nicht zwischen Patientenbetten, sondern zwischen Betten und Basisstation. Den Großteil der Zeit benötigen Wege zwischen Computer, Schlüsselkasten und Lager, nicht Patient:innen.

Das Beispiel zeigt, was das Spaghetti-Diagramm leistet. Im nächsten Schritt geht es darum, wie Sie es auf Ihrer Station einsetzen.


So erstellen Sie ein Spaghetti-Diagramm


Für die Durchführung eines Spaghetti-Diagramms auf Ihrer Station benötigen Sie vier Dinge: einen maßstabsgetreuen Plan bzw. Grundriss der Station (z.B. eine Kopie aus dem Gebäudeplan), einen Stift (am besten bunt), eine Uhr und eine Person, die beobachtet. Um ein realistisches, ungeschöntes Bild zu bekommen, sagen Sie der beobachteten Person, dass es um die Verbesserung der Abläufe geht, nicht um Kontrolle.


Vorbereitung (10 Minuten)

Markieren Sie auf dem Grundriss die wichtigsten Punkte: Patientenzimmer, Medikamentenraum, Basisstation, Lager und Stationszimmer. Entscheiden Sie, welchen Prozess Sie beobachten möchten. Die Medikamentenrunde eignet sich für den Anfang besonders gut, weil sie regelmäßig stattfindet und klar abgegrenzt ist.


Beobachtung (60 Minuten)

Begleiten Sie die Pflegekraft während des gesamten Prozesses. Zeichnen Sie jeden Weg auf dem Grundriss ein, d.h. jeden Gang von A nach B als Linie. Notieren Sie am Rand, wozu die Person den Weg gemacht hat. Das könnte z.B. folgendes sein: Medikament holen, Computer nutzen, Schlüssel suchen oder Rückfrage stellen. Unterbrechen Sie die beobachtete Person dabei nicht, und stellen Sie Ihre Fragen erst nach der Runde.


Auswertung (15 Minuten)

Zählen Sie die Linien. Markieren Sie die häufigsten Wegstrecken und die Orte, zu denen die Person am häufigsten zurückgelaufen ist. Im NHS-Beispiel war das die Basisstation mit 13 Besuchen. Sortieren Sie die Wege in zwei Kategorien: unvermeidbar (der Weg zum Patientenbett) und vermeidbar (der dritte Gang zum Lager, weil der Bestand nicht aufgefüllt war). Die vermeidbaren Wege sind Ihr Handlungsfeld.

Damit haben Sie die Grundlage, um konkrete Maßnahmen abzuleiten.


Wie Sie die Ergebnisse nutzen


Die Stärke des Spaghetti-Diagramms liegt darin, dass die Lösung oft schon im Bild steckt. Führen die meisten Linien zum Medikamentenraum, stellt sich die Frage: Lässt sich das Material näher an die Patient:innen bringen? Ist der Computer der häufigste Umweggrund? Kommt schafft ein mobiles Gerät Abhilfe.

Im NHS-Beispiel hat das Diagramm zu folgenden konkreten Maßnahmen geführt: Der Schlüssel ist vom Schlüsselkasten an den Medikamentenwagen gewandert, was zwei Wege gespart hat. Ein mobiles Gerät hat den stationären Computer ersetzt, wodurch fünf Wege weggefallen sind. Das Auffüllen des Stationsvorrats vor der Runde statt währenddessen hat weitere vier Wege aufgelöst. In Summe haben diese Maßnahmen die Rückwege zur Basisstation von 13 auf maximal zwei reduziert.


Typische Fehler, und wie Sie sie vermeiden


Drei Fehler treten bei der Erstellung eines Spaghetti-Diagramms regelmäßig auf.


Fehler 1: Die beobachtete Person verhält sich anders als sonst

Empfindet die beobachtete Person die Beobachtung als Kontrolle, verhält sie sich anders als sonst. Kommunizieren Sie daher vorher klar, dass es Ihnen um den Prozess geht, und Sie die Person weder bewerten, noch sie etwas falsch machen kann. Um den Fall auszuschließen, fragen Sie die Pflegekraft nach der Beobachtung: „Haben Sie sich heute anders bewegt als sonst?"


Fehler 2: Zu kurzer Beobachtungszeitraum

Für eine aussagekräftige Analyse ist ein ausreichend langer Beobachtungszeitraum notwendig. Eine halbe Stunde ist als Zeitraum zu kurz, um das vollständige Bild zu zeigen. Beobachten Sie einen Prozess vollständig von Anfang bis Ende, und über mindestens 60 Minuten.


Fehler 3: Das Diagramm bleibt ohne Konsequenz

Eine Analyse ist nur so gut wie die Effekte, zu denen sie führt. Wenn Sie also ein Spaghetti-Diagramm als Teil einer Wertstromanalyse erstellen und dann nur ablegen, erzeugt das Frustration statt Verbesserung. Vereinbaren Sie vor der Beobachtung, dass die Ergebnisse zu mindestens einer konkreten Maßnahme führen werden. Setzen Sie diese dann binnen zwei Wochen um.


Was die Forschung zeigt


Eine ethnografische Studie hat 42 Pflegekräfte über 120 Stunden beobachtet und rund 1.300 Raum-zu-Raum-Wege dokumentiert [4]. Die Ergebnisse zeigen: Die Frequenzunterschiede zwischen den verschiedenen Routen auf einer Station sind erheblich. Einige Wege legt das Personal dutzende Male pro Schicht zurück, andere nur vereinzelt. Die Konsequenz für die Stationsgestaltung ist augenscheinlich: Die Distanzen auf den häufigsten Routen müssen minimal sein. Bei seltenen Routen besteht Gestaltungsspielraum.

Das Spaghetti-Diagramm macht genau diese Unterschiede sichtbar. Sie brauchen keine Software, kein Budget und keine externe Begleitung. Es genügen ein Stift, ein Stationsgrundriss und die Bereitschaft, hinzuschauen.

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Quellen


[1] Nakashima et al. (2025): Factors Affecting Nurses' Walking Distance During Shifts. Journal of Nursing Management / PMC.

[2] NHS Wales Improvement Cymru Academy: Spaghetti Diagram Toolkit Guide. improvement.nhs.wales.

[3] PMC (2020): An Evaluation of the Impact of Barcode Patient and Medication Scanning on Nursing Workflow at a UK Teaching Hospital. PMC/PubMed.

[4] ResearchGate (2018): Design Lessons From the Analysis of Nurse Journeys in a Hospital Ward. Ethnografische Studie, 42 Pflegekräfte, 120 Stunden, ca. 1.300 dokumentierte Wege.

 
 
 

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