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Was Patient:innen spüren, bevor jemand ein Wort sagt

  • Autorenbild: 36healthcare
    36healthcare
  • 6. Juli
  • 5 Min. Lesezeit

Dienstagvormittag in einem Spital: Der Transportdienst hat eine Patientin zur Röntgenabteilung gebracht und ist wieder weg. Sie wartet mit ihrem Infusionsständer vor der geschlossenen Tür; niemand hat gesagt, wie lange es dauern wird. Nach zwanzig Minuten fragt sie eine vorbeieilende Pflegekraft, ob sie vergessen worden ist.


Woran erinnert sich diese Patientin am Abend?


Ihrer Familie erzählt sie am Abend wenig vom Röntgen und viel von den zwanzig Minuten im Gang. Dabei war in dieser Szene niemand unfreundlich. Die Pflegekraft hat sich entschuldigt, die Radiologietechnologin hat sich beim Termin Zeit genommen. Trotzdem hat die Patientin etwas gespürt, das in keinem Qualitätsbericht steht: Für ihren Weg durch das Haus hat sich niemand zuständig gefühlt.


Patient:innen nehmen eine Einrichtung als Ganzes wahr. Sie erleben einen einzigen Weg, von der Anmeldung über die Untersuchung bis zur Entlassung. Jede Lücke auf diesem Weg schreibt an ihrem Gesamteindruck mit. Ob die Lücke organisatorisch zur Radiologie, zum Transportdienst oder zur Station gehört, ist ihnen gleichgültig. Verantwortlich ist in ihren Augen das Haus. Angehörige urteilen dabei noch strenger. Sie lernen die Einrichtung in Ausnahmesituationen kennen und lesen jede Unklarheit als Risiko für einen geliebten Menschen.


Dieses eine, durchgehende Erlebnis kann keine einzelne Person herstellen, auch die engagierteste nicht. Es entsteht aus dem Zusammenspiel von Übergaben und Zuständigkeiten über viele Stellen hinweg. Und wie gut dieses Zusammenspiel funktioniert, ist eine Frage der Organisation. Deshalb ist das Erleben der Patient:innen ein Strukturthema. Es entscheidet sich dort, wo Abläufe ineinandergreifen oder auseinanderfallen; lange bevor jemand ein freundliches oder unfreundliches Wort sagt.


Warum ist Freundlichkeit die falsche Baustelle?


Wer auf sinkende Zufriedenheitswerte mit einem Freundlichkeitstraining reagiert, hat die Diagnose verfehlt. Ein Training verbessert das Verhalten in den Momenten, in denen jemand im Raum steht. Die Szene vom Anfang zeigt aber: Der Bruch ist entstanden, als niemand im Raum war. Kein Training erreicht den leeren Gang vor der Röntgenabteilung, das fehlende Hinweisschild oder den Transportdienst, der nicht wiederkommt.


Auch der zweite Reflex greift zu kurz: mehr Personal, mehr Zeit am Bett. Eine Studie in der Zeitschrift Pflege (Hogrefe, 2024) hat untersucht, wie die Anwesenheitszeit Pflegender am Patientenbett mit der Zufriedenheit zusammenhängt. Das Ergebnis: kein signifikanter Zusammenhang. Ob ein Kontaktmoment gelingt, hängt demnach weniger an seiner Dauer. Er gelingt, wenn die Pflegekraft erklären kann, was als Nächstes kommt, und wenn Zusagen halten. Beides kann ein Seminar nicht herstellen. Die Information muss bei der Pflegekraft ankommen, und die Zusage braucht einen Ablauf, der sie einlösbar macht.


Dazu kommt: Das Verhalten ist selten das Problem. Die meisten Menschen im Gesundheitswesen haben ihren Beruf gewählt, weil sie zugewandt arbeiten wollen. Was ihnen im Weg steht, sind Dienstpläne ohne Puffer, ungeklärte Verantwortung an den Nahtstellen und Informationswege, die im Alltag abreißen. Nach zwei motivierten Wochen holt die Struktur jede Schulung wieder ein.


Der PX Pulse Report des Beryl Institute (2024) weist in dieselbe Richtung. Befragte nennen als wichtigste Erwartungen, ernst genommen zu werden und verständliche Informationen zu bekommen. Beides klingt nach Verhalten. Beides setzt aber voraus, dass Mitarbeiter:innen die Zeit und die Information haben, die sie weitergeben sollen. Eine Pflegekraft kann keine Wartezeit erklären, deren Grund sie selbst nicht kennt.


Für Geschäftsführungen kommt ein wirtschaftliches Argument dazu. Enttäuschte Patient:innen beschweren sich selten direkt beim Haus; sie erzählen ihre Erfahrung weiter. Empfehlungen entstehen aus dem Erleben, während die Komplikationsstatistik dafür kaum jemanden interessiert. Ein Trainingsbudget, das auf kaputte Abläufe trifft, ist deshalb doppelt verloren: Es kostet Geld und verdeckt die eigentliche Ursache.


Wie wird das Erleben messbar?


Klinische Qualitätsindikatoren messen Ergebnisse wie Dekubitusraten oder Sturzhäufigkeit. Patient-Reported Experience Measures, kurz PREMs, messen etwas anderes: wie Patient:innen den Weg durch die Versorgung erlebt haben. Typische Fragen lauten: Wussten Sie, wer für Sie verantwortlich ist? Hat Ihnen jemand Ihre Medikamente erklärt? Konnten Sie Ihre Sorgen ansprechen?


Das belgische Health Care Knowledge Centre (KCE) hat diese Instrumente in einem eigenen Bericht untersucht (KCE Reports 303C, 2018). Er beschreibt, wie PREMs Versorgungslücken sichtbar machen, die klinische Kennzahlen nicht erfassen. Der Bericht unterscheidet PREMs von den verwandten Patient-Reported Outcome Measures, kurz PROMs. Diese erfassen gesundheitliche Ergebnisse aus Sicht der Patient:innen, etwa Schmerzen oder Beweglichkeit nach einer Operation. PREMs fragen dagegen nach dem Erleben der Versorgung selbst. Für Führungskräfte sind PREMs das aufschlussreichere Werkzeug, weil sie wie ein Röntgenbild der eigenen Organisation wirken. Wenn viele Befragte angeben, nie gewusst zu haben, wer zuständig ist, dann liegt das selten an einzelnen Personen. Es verweist auf eine Organisation, die Zuständigkeit unsichtbar gelassen hat.


Eine Einrichtung kann also bei der Sturzprophylaxe glänzen und gleichzeitig in den PREMs durchfallen. Beides stimmt dann. Die Kennzahl misst das klinische Ergebnis, das PREM hält fest, was Patient:innen auf dem Weg dorthin erlebt haben. Und weil dieses Erleben an Abläufen und Zuständigkeiten hängt, lesen Führungskräfte aus den Antworten viel über ihre Organisation.


Der Einstieg muss dabei nicht groß sein. Beginnen Sie mit einer Station oder einem Wohnbereich und mit fünf Fragen, die Sie wirklich interessieren. Wichtiger als das perfekte Instrument ist, dass die Ergebnisse regelmäßig auf den Tisch der Leitung kommen und dort Konsequenzen haben. Eine Befragung, deren Ergebnisse niemand bespricht, ist nur eine höfliche Geste. Eine ziemlich teure noch dazu.


Wo setzen Sie stattdessen an?


Geben Sie den häufigsten Wegen eine Verantwortung. Aufnahme, Untersuchungstag, Entlassung: Für jeden dieser Wege sollte eine Person das Ganze im Blick haben. Solange jede Abteilung nur ihren Abschnitt sieht, bleibt der Gang vor der Röntgenabteilung ein Niemandsland.


Machen Sie Information zur Bringschuld. Eine erklärte Wartezeit fühlt sich halb so lang an. Legen Sie fest, wer Patient:innen und Angehörige informiert, wenn sich Abläufe verschieben, und verlassen Sie sich dabei nicht auf Zufallskontakte.


Gestalten Sie die Nahtstellen bewusst. Die meisten Brüche entstehen bei Aufnahme, Schichtwechsel, Verlegung und Entlassung. Wer diese vier Momente strukturiert, verbessert das Erleben stärker als jedes Seminar.


Fragen Sie die Einzigen, die den ganzen Weg sehen. Patient:innen und Angehörige erleben Ihre Einrichtung von der Beschilderung bis zum Entlassungsbrief. PREMs und strukturierte Befragungen holen dieses Wissen dorthin, wo entschieden wird.


Wie das in der Praxis aussieht, zeigt der Fall einer Pflegeeinrichtung mit tadellosen Kennzahlen und einbrechender Angehörigenzufriedenheit: Gute Kennzahlen, enttäuschte Angehörige: ein Fallbericht.


Das Erleben der Patient:innen spiegelt übrigens fast immer das Erleben der Mitarbeiter:innen. Organisationen, die ihr Personal durch ungeklärte Abläufe hetzen, produzieren gehetzte Kontaktmomente. Menschengerechte Strukturen sind deshalb kein Komfortthema. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass Qualität bei den Menschen ankommt, die sie brauchen.



Quellen


  • Belgian Health Care Knowledge Centre (KCE, 2018): Patient-Reported Outcomes: état des lieux et perspectives en Belgique. KCE Reports 303C

  • Hogrefe, Zeitschrift Pflege (2024): Zusammenhang der Patientenzufriedenheit mit der Anwesenheitszeit Pflegender am Patientenbett

  • The Beryl Institute (2024): PX Pulse Report, Consumer Perspectives on Patient Experience



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