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Fünf Fragen vor jedem Digitalprojekt

Autorenbild: 36healthcare
36healthcare
1. Sept.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Bevor das nächste digitale Tool eingeführt wird, lohnt sich ein Blick auf die Organisation: Ist sie bereit dafür? Dieser Check besteht aus fünf Fragen, und es sind keine IT-Fragen, sondern Organisationsfragen.


Readiness vor Technologie Ein Digital Readiness Assessment prüft nicht die Technik, sondern die Organisation. Die häufigste Ursache für gescheiterte Digitalprojekte liegt in fehlender Vorbereitung der Menschen und Strukturen (Rossi, 2024).

Warum kommt der Readiness-Check vor dem Digitalprojekt?


Stefanie Rossi hat 2024 in ihrer Forschungsarbeit „Digital Readiness Assessment: Ein Maturity Model für Schweizer Gesundheitsdienstleistende" (Springer, PHW-Forschungsreihe) ein Reifegradmodell für die digitale Bereitschaft im Gesundheitswesen entwickelt. Das Modell unterscheidet vier Dimensionen: Governance, klinische Prozesse, Organisationskultur und ICT-Infrastruktur. Die zentrale Erkenntnis: Die Infrastruktur ist in den meisten Einrichtungen weiter als die Organisation.

Das bedeutet: Die technischen Voraussetzungen für ein Digitalprojekt sind in den meisten Einrichtungen gegeben, die organisationale Vorbereitung hingegen fehlt. Wer ein digitales Tool einführt, ohne diese Vorbereitung zu prüfen, startet ein Projekt ohne die nötige Grundlage.

Der DigitalRadar 2025, die zweite nationale Reifegradmessung deutscher Krankenhäuser im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums, hat dieses Muster bestätigt. Die Krankenhäuser mit der höchsten digitalen Reife haben durch klare Einführungsstrategien und starke Einbindung der Mitarbeiter:innen überzeugt, weniger durch die neueste Technik.

Die folgenden fünf Fragen bilden einen Kurzcheck, der keine externe Beratung erfordert und innerhalb einer Führungsteamsitzung bearbeitbar ist. Jede Frage enthält eine Einordnung, einen konkreten Hinweis und ein Warnsignal.


Frage 1: Wer hat die Nutzer:innen gefragt?


Einordnung: Die erste Frage prüft, ob diejenigen, die das System täglich nutzen sollen, in die Entscheidung einbezogen worden sind. Das betrifft die Auswahl, nicht nur die Schulung. Wenn die IT-Abteilung die Software evaluiert und die Pflege erst bei der Einführung informiert wird, fehlt eine wesentliche Perspektive.


Konkreter Hinweis: Bilden Sie eine Arbeitsgruppe, in der mindestens zwei Pflegekräfte aus dem Stationsalltag vertreten sind. Ihre Aufgabe: nicht die technische Bewertung, sondern die Prüfung, ob das System in den Schichtablauf passt.


Warnsignal: Wenn die Antwort lautet „Die IT hat das geprüft" oder „Das klären wir in der Schulung", ist die Nutzer:innenperspektive nicht einbezogen worden.


Frage 2: Passt das Tool in den Schichtrhythmus?


Einordnung: Pflegekräfte arbeiten im Zweischichtbetrieb. Dokumentation findet zwischen Pflegehandlungen statt, nicht am Schreibtisch. Ein System, das eine stabile WLAN-Verbindung, einen Desktop-Arbeitsplatz oder eine bestimmte Eingabereihenfolge voraussetzt, kollidiert mit der Realität auf der Station.


Konkreter Hinweis: Testen Sie das System auf einer Station im laufenden Betrieb, bevor Sie es einrichtungsweit ausrollen. Beobachten Sie, an welchen Stellen Pflegekräfte zwischen System und Papier wechseln. Jeder Medienbruch ist ein Hinweis auf eine Designlücke.


Warnsignal: Wenn die Dokumentation nur am Stützpunkt möglich ist, wird sie am Bett auf Papier erledigt und später übertragen. Der Zeitgewinn geht verloren.


Frage 3: Wie steht es um digitale Grundkompetenzen im Team?


Einordnung: Die KPMG-Studie 2024/2025 zeigt, dass 39 % der Befragten fehlendes Know-how als Hürde bei der Digitalisierung nennen. Gemeint ist der sichere Umgang mit digitalen Geräten, das Verständnis für Datenschutz und die Fähigkeit, sich in einer neuen Benutzeroberfläche zu orientieren.


Konkreter Hinweis: Erheben Sie vor der Einführung den digitalen Kompetenzstand im Team. Das muss kein formaler Test sein. Eine kurze Befragung reicht: Wie sicher fühlen Sie sich im Umgang mit digitalen Geräten? Welche Unterstützung würden Sie sich wünschen? Die Antworten zeigen, ob eine Standard-Schulung ausreicht oder ob eine längere Begleitung notwendig ist.


Warnsignal: Wenn die Antwort „Das lernen die schon" lautet, wird der Kompetenzunterschied im Team unterschätzt. Pflegekräfte, die sich unsicher fühlen, meiden das System und fallen auf Papier zurück.


Frage 4: Ist die Infrastruktur bereit?


Einordnung: Ein digitales Dokumentationssystem braucht mehr als die Software selbst. Es braucht WLAN-Abdeckung auf allen Stationen, ausreichend Endgeräte für den Schichtbetrieb, eine Ladeinfrastruktur und einen IT-Support, der auch außerhalb der Bürozeiten erreichbar ist.


Konkreter Hinweis: Erstellen Sie eine Checkliste der technischen Voraussetzungen und prüfen Sie jeden Punkt auf jeder Station. Die WLAN-Abdeckung im Büro der Pflegedienstleitung sagt nichts über die Abdeckung im dritten Stock aus.


Warnsignal: Wenn das Projektbudget die Software enthält, aber keine Endgeräte, keine WLAN-Erweiterung und keinen zusätzlichen IT-Support, ist die Infrastruktur nicht mitgedacht worden.


Frage 5: Wer begleitet die ersten 90 Tage?


Einordnung: Die kritische Phase bei jeder Einführung beginnt nach dem Produktivstart. Wenn nach der Schulung niemand mehr ansprechbar ist, kehren Teams zu den alten Routinen zurück. Die ersten 90 Tage entscheiden darüber, ob das System zur Gewohnheit wird oder zur Pflichtübung.


Konkreter Hinweis: Benennen Sie pro Station eine Ansprechperson, die das System sicher beherrscht und im Schichtbetrieb verfügbar ist. Planen Sie wöchentliche Kurzrückmeldungen in den ersten drei Monaten. Und seien Sie bereit, das System an die Praxis anzupassen, wenn die Rückmeldungen zeigen, dass bestimmte Funktionen den Arbeitsablauf blockieren.


Warnsignal: Wenn der Projektplan nach dem Produktivstart den Punkt „Abschluss" vorsieht, endet das Projekt zu früh. Die Einführung ist erst abgeschlossen, wenn die Nutzungsrate stabil ist und das Team das System als Erleichterung erlebt.


Wie nutzen Sie diesen Check?

Dieser Readiness-Check ersetzt kein IT-Audit und keine Softwareevaluation. Er prüft, ob die Organisation bereit ist, ein digitales Tool aufzunehmen. Wenn drei oder mehr Fragen ein Warnsignal zeigen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Einführung an der Organisation scheitert, nicht an der Technik.

Die eHealth-Strategie Österreich, die das Sozialministerium 2024 aktualisiert hat, betont die Notwendigkeit einer koordinierten digitalen Entwicklung im Gesundheitswesen. Koordination beginnt in der einzelnen Einrichtung. Und sie beginnt mit der Frage, ob die Organisation bereit ist, bevor die Technik eingeführt wird.

Wo Ihre Einrichtung auf dem Weg der digitalen Reife steht und was der nächste konkrete Schritt ist, zeigt der Selbstcheck im Beitrag: Wie digital-reif ist Ihre Einrichtung?

Quellen

  • Rossi, S. (2024): „Digital Readiness Assessment: Ein Maturity Model für Schweizer Gesundheitsdienstleistende." Springer (PHW-Forschungsreihe)

  • DigitalRadar (2025): Zweite nationale Reifegradmessung deutscher Krankenhäuser. Bundesministerium für Gesundheit

  • KPMG (2024/2025): „Das österreichische Gesundheitswesen: digital.ambulant.stationär"

  • eHealth-Strategie Österreich (2024): Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz

36healthcare begleitet Führungsteams dabei, digitale Projekte von der Organisation her zu denken. Praxisnah, interdisziplinär und mit dem Blick auf die Menschen, die das System nutzen sollen. Mehr erfahren

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