Fünf Fragen, die zeigen, wo der Druck herkommt
- 36healthcare

- 21. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 11 Stunden
Die vollständige Evaluierung psychischer Belastungen nach ASchG ist ein wichtiges Instrument. Aber sie braucht Vorbereitung, Moderation und Zeit. Was Führungskräfte vorher tun können: fünf gezielte Fragen stellen, die das Muster sichtbar machen.
Wofür eignet sich dieser Check?
Dieser Kurzcheck ersetzt keine gesetzlich vorgeschriebene Evaluierung. Er hilft Führungskräften, den eigenen Blick zu schärfen und erste Prioritäten zu setzen. Die fünf Fragen basieren auf den Dimensionen der AUVA-Verfahren (KFZA, ABS-Gruppe, EVALOG). Diese Verfahren erfassen systematisch Arbeitsinhalt, Arbeitsorganisation, Sozialklima und Arbeitsumgebung.
Der Check funktioniert als Selbstreflexion. Sie beantworten die Fragen für Ihr eigenes Team, auf Basis dessen, was Sie beobachten und wissen. Für jede Frage gibt es eine kurze Einordnung und einen konkreten Hinweis, was zu tun ist, wenn die Antwort beunruhigt.
Welche fünf Fragen zeigen das Muster?
Frage 1: Wie häufig werden Pflegehandlungen unterbrochen?
Unterbrechungen während der direkten Pflege gehören zu den am häufigsten genannten Belastungsfaktoren in Pflegeberufen. Jede einzelne Unterbrechung ist erklärbar: ein Telefonanruf, eine Rückfrage, ein Angehöriger an der Tür. Aber in der Summe erzeugen sie das Gefühl, die eigene Arbeit nicht mehr steuern zu können. Pflegekräfte beschreiben das oft als „ich komme zu nichts", obwohl sie den ganzen Tag gearbeitet haben.
Wenn die Antwort „oft" oder „fast immer" lautet: Listen Sie über eine Woche die häufigsten Unterbrechungsquellen auf. Fragen Sie Ihr Team, welche davon sich durch eine organisatorische Regelung reduzieren lassen. Eine Pflegeeinrichtung hat mit telefonfreien Pflegezeiten gute Erfahrungen gemacht (→ Wenn die Geschäftsführung ein Motivationsproblem vermutet).
Frage 2: Gibt es eine Prioritätenliste für Engpässe?
Personalengpässe gehören zum Alltag. Die Frage ist nicht, ob sie auftreten, sondern ob das Team darauf vorbereitet ist. Wenn es keine abgesprochene Prioritätenliste gibt, entscheidet jede Pflegekraft unter Druck selbst, was liegen bleibt. Das erzeugt Schuldgefühle, weil immer etwas unerledigt bleibt. Gleichzeitig wächst die Unsicherheit, weil niemand weiß, ob die eigene Entscheidung richtig war.
In diesem Fall hilft ein pragmatischer Schritt: Erstellen Sie gemeinsam mit Ihrem Team eine Prioritätenliste für zwei Szenarien. Im ersten Szenario fällt eine Person aus, im zweiten fallen zwei aus. Legen Sie fest, welche Aufgaben verschoben werden dürfen und welche auf keinen Fall. Das braucht eine Stunde und nimmt dem Team eine Last, die es sonst jeden Tag allein trägt.
Frage 3: Wann haben Sie einen Teamvorschlag umgesetzt?
Wer das Gefühl hat, gehört zu werden, bewertet die eigene Arbeitssituation besser. Umgekehrt gilt: Wenn Vorschläge regelmäßig ins Leere laufen, ziehen sich Mitarbeiter:innen zurück. Es geht um Wirksamkeit, nicht um Stimmung. Wer erlebt, dass die eigenen Ideen keinen Unterschied machen, hört auf, welche einzubringen. Die Leitung interpretiert das dann leicht als Desinteresse, obwohl es eine Reaktion auf fehlende Rückmeldung ist.
Wenn die Antwort länger als drei Monate zurückliegt: Führen Sie ein monatliches Kurzformat ein (30 Minuten), in dem das Team maximal drei offene Punkte benennt. Entscheidend ist nicht die Besprechung selbst, sondern die Nachverfolgung: Welche Punkte sind umgesetzt worden? Welche nicht, und warum? Dieser Kreislauf kostet wenig Zeit und verändert viel am Erleben.
Frage 4: Wie groß sind die Entscheidungsspielräume?
Entscheidungsspielräume gehören zu den stärksten Schutzfaktoren gegen psychische Erschöpfung. Pflegekräfte, die innerhalb ihres Arbeitsbereichs eigene Entscheidungen treffen dürfen, erleben ihre Arbeit als steuerbarer. Sie berichten auch weniger Erschöpfungssymptome. Das zeigt die BIBB/BAuA-Erhebung ebenso wie die klinische Erfahrung. Wenn Ihre Antwort auf diese Frage vage oder kurz ausfällt, lohnt sich ein genauer Blick: Welche Entscheidungen erfordern derzeit eine Freigabe durch die Leitung, und ist das in jedem Fall nötig? Oft lassen sich Spielräume erweitern, ohne dass die Qualität leidet. Ein konkretes Beispiel: Darf eine Pflegekraft die Reihenfolge der Pflegerunde selbst festlegen, oder gibt es einen starren Plan?
Frage 5: Kommt Ihre Unterstützung an?
Die BIBB/BAuA-Studie hat gezeigt, dass Pflegefachpersonen unterstützendes Verhalten durch Vorgesetzte seltener nennen als alle anderen Berufsgruppen. Das bedeutet nicht, dass Führungskräfte in der Pflege ihre Teams nicht unterstützen. Es bedeutet, dass die Unterstützung beim Team oft nicht ankommt. Hier hilft ein strukturierter Weg: Überlegen Sie, wie Sie Belastung sichtbar anerkennen können, ohne sie zu bagatellisieren. Ein Satz in der Schichtübergabe reicht manchmal: „Ich sehe, dass es heute eng war." Entscheidend ist, dass die Anerkennung regelmäßig stattfindet und nicht nur bei Eskalation.
Wie ordnen Sie die Ergebnisse ein?
Dieser Check liefert kein Punktesystem und keine Ampelfarben, dafür aber eine erste Orientierung.
Alle fünf Fragen klar beantwortbar. Ihre Strukturen sind vorhanden. Der nächste Schritt: eine systematische Evaluierung mit einem standardisierten Verfahren (KFZA, ABS-Gruppe oder EVALOG). So finden Sie blinde Flecken, die der Selbsteinschätzung entgehen.
Wenn zwei bis drei Fragen unklar bleiben, kennen Sie die Schwachstellen bereits. Der nächste Schritt: gezielte Maßnahmen in den betroffenen Bereichen, umsetzbar innerhalb von zwei Wochen. Beginnen Sie mit der Frage, bei der der Handlungsbedarf am deutlichsten ist.
Mehr als drei Fragen unklar. Die Belastungsstruktur ist nicht greifbar. Der nächste Schritt: externe Unterstützung für eine Evaluierung nach ASchG § 4. Die AUVA stellt drei kostenlose Verfahren zur Verfügung, die speziell für österreichische Betriebe entwickelt worden sind. Eine Übersicht finden Sie auf eval.at.
Was kann dieser Check, und was nicht?
Er kann den Blick schärfen. Er zeigt Führungskräften, welche Fragen sie stellen sollten und wo die größten Hebel liegen. Er ersetzt keine vollständige Evaluierung nach ASchG § 4, aber er macht den Einstieg leichter und schafft eine Grundlage für das Gespräch mit dem Team.
Viele Führungskräfte schieben die Auseinandersetzung mit psychischer Belastung auf, weil das Thema groß und unübersichtlich wirkt. Dieser Check reduziert es auf fünf konkrete Punkte. Allein das Durchgehen der Fragen hat in unserer Erfahrung schon Gespräche ausgelöst, die vorher nicht stattgefunden haben.
Quellen
AUVA: ABS-Gruppe, KFZA, EVALOG (drei kostenlose Verfahren zur Evaluierung psychischer Belastungen für österreichische Betriebe, verfügbar auf eval.at)
Arbeitsinspektion.gv.at: Arbeitsplatzevaluierung psychischer Belastungen
Wesselborg, B. & Bauknecht, J. (2023): „Psychische Erschöpfung in den Pflegeberufen." Prävention und Gesundheitsförderung (Springer)
36healthcare unterstützt Führungsteams bei der Evaluierung psychischer Belastungen und bei der Umsetzung struktureller Maßnahmen. Mehr dazu finden Sie auf unserer Seite zur Arbeitsplatzevaluierung.



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