Von der Erkenntnis zur Maßnahme
- Thomas Nowotny

- 24. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 1 Stunde
Viele Führungskräfte in Pflegeeinrichtungen wissen, dass ihr Team unter Druck steht. Sie beobachten steigende Krankenstandszahlen, spüren die Anspannung in Übergaben, hören von Unterbrechungen und Überlastung. Aber zwischen dem Wissen um die Belastung und dem systematischen Handeln liegt eine Lücke, die in den meisten Einrichtungen offen bleibt.
Der häufigste Stolperstein: Die Analyse bleibt in der Schublade. Die Belastungsquellen sind benannt, aber der systematische Weg vom Befund zur Maßnahme fehlt. Dieser Beitrag hilft Ihnen einzuordnen, wie weit Ihre Einrichtung auf diesem Weg bereits gekommen ist.
Drei Stufen der organisatorischen Reife
Die folgenden drei Stufen beschreiben nicht, wie gut Sie die Belastung Ihres Teams kennen, sondern wie systematisch Ihre Einrichtung mit den erkannten Belastungen umgeht. Jede enthält eine Einordnung und einen konkreten nächsten Schritt.
Grün: Sie evaluieren, handeln und messen die Wirkung
Ihre Einrichtung hat eine Evaluierung psychischer Belastungen nach ASchG § 4 durchgeführt. Aus den Ergebnissen sind konkrete Maßnahmen entstanden, die bereits umgesetzt worden sind. Und Sie prüfen, ob diese Maßnahmen tatsächlich wirken.
Das ist der Reifegrad, den das Gesetz vorsieht. Wenige Einrichtungen haben ihn bisher tatsächlich erreicht. Wenn Sie hier stehen, arbeiten Sie auf einem Niveau, das die meisten vergleichbaren Häuser noch anstreben.
Was jetzt zählt, ist Kontinuität. Eine Evaluierung deckt in der Regel mehrere Belastungsquellen auf. Die erste Maßnahme greift, aber die zweite und dritte Quelle sind dadurch nicht verschwunden. Vergleichen Sie die Krankenstandstage vor und nach der Einführung Ihrer Maßnahme. Befragen Sie Ihr Team in einer kurzen Runde, ob die Veränderung spürbar ist. Und dokumentieren Sie die Wirkung, damit Sie bei der nächsten Evaluierungsrunde einen Vergleichswert haben.
Beim nächsten Durchgang sollten die Bereiche im Fokus stehen, die bisher als weniger dringlich eingestuft worden sind. Gleichzeitig lohnt es sich zu prüfen, ob die umgesetzten Maßnahmen unbeabsichtigte Nebenwirkungen erzeugt haben. Telefonfreie Pflegezeiten haben in der Praxis gelegentlich dazu geführt, dass Angehörige sich schlechter informiert gefühlt haben. Solche Effekte lassen sich durch begleitende Kommunikation auffangen, aber nur, wenn sie systematisch erhoben werden.
Gelb: Sie kennen die Probleme, aber handeln noch nicht systematisch
Sie wissen aus Beobachtung und Gesprächen, dass Ihr Team belastet ist. Vielleicht haben Gespräche mit dem Team bestätigt, was Sie längst geahnt haben. Aber eine strukturierte Erhebung ist bisher nicht erfolgt. Und die Maßnahmen, die Sie ergriffen haben, sind eher Reaktionen auf akute Situationen als geplante Schritte.
Das ist die Situation, in der sich die meisten Einrichtungen befinden. Der Handlungsbedarf ist spürbar, aber das Thema wirkt groß und unübersichtlich. Der Einstieg muss allerdings nicht groß sein.
Beginnen Sie mit fünf Einzelgesprächen in den nächsten zwei Wochen. Sprechen Sie mit Mitarbeiter:innen aus unterschiedlichen Schichten und Erfahrungsstufen. Stellen Sie eine einzige Frage: „Welche Situation hat Sie in der letzten Woche am meisten belastet?" Notieren Sie die Antworten wörtlich, ohne zu kommentieren oder zu rechtfertigen. Das Muster zeigt sich nach dem dritten Gespräch. Sie brauchen 15 Minuten pro Gespräch und kein spezielles Instrument.
Diese fünf Gespräche ersetzen keine Evaluierung nach ASchG. Aber sie liefern Ihnen das Material, um eine Evaluierung gezielt zu beauftragen. Und sie zeigen Ihrem Team, dass Sie das Thema ernst nehmen.
Rot: Ihr Bild basiert auf Annahmen
Die psychische Belastung in Ihrer Einrichtung ist bisher nicht systematisch erhoben worden. Ihr Bild stützt sich auf allgemeine Annahmen über die Pflegebranche oder auf das, was in Beschwerden formuliert wird. Möglicherweise haben Sie das Thema nicht adressiert, weil Sie davon ausgegangen sind, dass die Belastung zur Arbeit gehört.
Die BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung hat ergeben, dass die psychische Erschöpfung bei Pflegefachpersonen höher ist als in jeder anderen Berufsgruppe. Das ist keine Branchenvermutung, sondern ein Befund aus einer Stichprobe mit über 20.000 Erwerbstätigen. Wer in diesem Umfeld ohne systematische Erhebung arbeitet, reagiert auf einer Grundlage, die nachweislich unvollständig ist.
Die Empfehlung ist eindeutig: Beauftragen Sie eine Evaluierung psychischer Belastungen nach ASchG § 4. Das ist in Österreich gesetzliche Pflicht, kein freiwilliges Zusatzprojekt. Die AUVA stellt drei kostenlose Verfahren zur Verfügung: den KFZA, die ABS-Gruppe und den EVALOG. Der KFZA ist ein Kurzfragebogen, die ABS-Gruppe ein moderiertes Gruppeninterview und der EVALOG ein Einzelinterview. Alle drei Verfahren sind standardisiert und auf eval.at dokumentiert.
Beginnen Sie mit einer Station oder Abteilung, nicht mit dem ganzen Haus. Das reduziert den Aufwand und liefert schneller verwertbare Ergebnisse. Viele Einrichtungen haben die Evaluierung aufgeschoben, weil das Thema überwältigend gewirkt hat. Eine einzelne Station ist überschaubar und der Einstieg konkret.
Was Einrichtungen unterscheidet, die ins Handeln kommen
Die Erfahrungen aus Evaluierungen mit den AUVA-Verfahren zeigen ein Muster. Einrichtungen, die erfolgreich Maßnahmen umgesetzt haben, unterscheiden sich von anderen nicht durch bessere Ressourcen oder mehr Personal. Drei Merkmale machen den Unterschied.
Die Leitung hat die Evaluierungsergebnisse als Arbeitsauftrag gelesen, nicht als Kritik. Im Fallbeispiel einer Pflegeeinrichtung hat die Geschäftsführung sich anfangs gegen die Ergebnisse gewehrt. Den Wendepunkt hat ein interner Vergleich gebracht. Eine zweite Station mit vergleichbarer Personaldecke hatte deutlich weniger Krankenstandstage. Die dortige Stationsleitung hatte eigenständig zwei pragmatische Maßnahmen eingeführt.
Die ersten Maßnahmen in diesem Fallbeispiel haben sich als klein und schnell umsetzbar erwiesen. Telefonfreie Pflegezeiten, eine Prioritätenliste für Ausfallszenarien und ein monatliches Teamgespräch mit Nachverfolgung haben den Unterschied gemacht. Es hat dafür kein großes Projekt und keine externe Beratung gebraucht.
Und es hat einen sichtbaren Kreislauf gegeben: Das Team hat erlebt, dass auf seine Rückmeldungen reagiert worden ist. Das hat die Bereitschaft verändert, sich einzubringen.
Diese drei Merkmale klingen einfach. In der Praxis scheitern viele Einrichtungen am ersten Punkt. Die Evaluierungsergebnisse werden als Angriff auf die bisherige Führungsarbeit gelesen statt als Chance, konkrete Hebel zu identifizieren.
Warum der systematische Weg sich lohnt
Die Kosten unterlassener Prävention lassen sich beziffern. Der WIFO-Fehlzeitenreport 2026 hat gezeigt, dass psychische Erkrankungen nur 2,9 % aller Krankenstandsfälle in Österreich ausmachen. Sie verursachen aber 11,8 % aller Krankenstandstage. Wer wegen einer psychischen Erkrankung ausfällt, fällt lange aus. Und der Trend zeigt seit Jahren nach oben.
In dem beschriebenen Fallbeispiel sind die Krankenstandstage innerhalb von neun Monaten um ein Drittel gesunken. Die Pflegequalität hat sich in keinem der erhobenen Indikatoren verschlechtert. Drei Maßnahmen haben dafür gereicht, ohne externe Beratung und ohne Großprojekt.
Prävention, die an den strukturellen Ursachen ansetzt, verkürzt diese Ausfälle nachweislich. Voraussetzung dafür ist, dass die Ursachen systematisch erhoben, Maßnahmen daraus abgeleitet und deren Wirkung überprüft worden sind. Genau das unterscheidet eine Einrichtung, die auf Daten reagiert, von einer, die auf Annahmen reagiert.
Egal ob Sie bei Grün, Gelb oder Rot einsteigen: Der nächste Schritt ist kleiner, als er sich anfühlt.
Quellen
WIFO/DVSV (2026): Fehlzeitenreport 2026. Krankheits- und unfallbedingte Fehlzeiten in Österreich
AUVA: ABS-Gruppe, KFZA, EVALOG (kostenlose Verfahren zur Evaluierung psychischer Belastungen, eval.at)
Wesselborg, B. & Bauknecht, J. (2023): „Psychische Erschöpfung in den Pflegeberufen." Prävention und Gesundheitsförderung (Springer)
ASchG § 4: Arbeitnehmer:innenschutzgesetz, Novelle 2013
36healthcare begleitet Führungsteams bei der Evaluierung psychischer Belastungen und bei der Entwicklung von Maßnahmen, die an den strukturellen Ursachen ansetzen. Mehr dazu finden Sie auf unserer Seite zur Arbeitsplatzevaluierung.



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